Costa da Caparica / Portugal / 1.- 4 .März 2016

Marathon des Sables 2016, Countdown

Nur noch wenige Tage bis zum Start des legendären Marathon des Sables 2016 kurz MdS. Die Tage vergehen buchstäblich wie im Fluge und der Tag X rückt immer näher und näher. Obwohl die Vorfreude gross ist, merke ich, dass sich beim Gedanken daran ein flaues Gefühl in der Magengegend breit macht. Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht intensiv mit dem MdS auseinandersetze. Abgesehen vom täglichen Training, muss das restliche Equipment organisiert werden, Nahrungsmittel und Materialien sind während der Belastung auszutesten, Überlegungen zur Rennstrategie müssen gemacht werden und um die Spendenbox noch weiter zu füllen, steht das eine oder andere Referat an. Sand haben meine Füsse das letzte Mal im Badeurlaub des vergangenen Sommers gespürt. In der Sahara hat es bekanntlich eine Menge davon. Deshalb ist es auch höchste Zeit, meine Glieder auf diesen Untergrund einzustimmen. Ein 4-tägiges Sandtraining am Strand von Lissabon, genauer an der Costa da Caparica, soll dafür sorgen...

Tag 1 (Anreisetag)

In Lissabon mit der MdS-Vollpackung gelandet, muss ich mich erstmal umziehen. Aber wo? Im Flughafen hätte es eine saubere Toilette, aber nachher mit der Vollausrüstung durch die Flughalle watscheln - das geht gar nicht... So entscheide ich mich für einen nahegelegenen Parkplatz, wo ich hinter einem Häuschen die für mich nötige Diskretion finde. Beim Umziehen habe ich dann rasch bemerkt, dass der Rucksack für all das Campingzeugs inkl. Zelt, Kleider, Nahrungsmittel (4 Tage) und die restlichen Sachen um einige Liter zu klein ist. Mit einem Spannset, aus dem Doi-it um die Ecke, habe ich meine Sporttasche kurzerhand auf den Rucksack geschnallt. Mit Sicherheit sind es, ohne die 3 Liter Wasser eingerechnet, gegen 12-13 kg die für die nächsten Stunden auf meinen Schultern lasten werden. Umgezogen und vollbepackt starte ich um ca. 15.30 Uhr. Es soll Richtung Westküste gehen.

Es ist jetzt komplett dunkel und ich befinde mich nun irgendwo auf einer Anhöhe im Niemandsland. Eigentlich bin ich auf der Suche nach einem Camping am Sandstrand, davon bin ich aber meilenweit entfernt. Meine Karte auf dem Handy hilft mir auch nicht viel weiter, es ist einfach zu schwierig sich im Dunkeln zu orientieren...

Ich folge dem nördlichen Ufer des Flusses Tajo und gelange nach 20 km zur Fähre, welche mich auf die andere Seite bringt. Die nahegelegene Brücke ist leider nur für den Verkehr bestimmt. Drüben angekommen beginnt es bereits ein zu dunkeln, so dass ich meine Stirnlampe einschalten muss. Diese Uferseite ist sehr hügelig und unübersichtlich. In welche Richtung soll‘s jetzt gehen, frage ich mich. Ich entscheide mich für diejenige, die auch von den meisten Fährgenossen benutzt wird. Nur mit dem Unterschied, dass diese in den Bus steigen. Es ist jetzt komplett dunkel und ich befinde mich nun irgendwo auf einer Anhöhe im Niemandsland. Eigentlich bin ich auf der Suche nach einem Camping am Sandstrand, davon bin ich aber meilenweit entfernt. Meine Karte auf dem Handy hilft mir auch nicht viel weiter, es ist einfach zu schwierig sich im Dunkeln zu orientieren. Also versuche ich die Richtung zu halten, die zur meistbeleuchteten und zugleich in meeresnähe liegenden Gegend führen soll. Aber kaum habe ich wieder eine Strasse gewählt, laufe ich entweder in eine Sackgasse oder die Strasse wird so klein, dass bis zum Schluss nur ein kleiner Trampelpfad übrig bleibt. Wie aus dem Erdboden gestampft, entdecke ich plötzlich eine kleine Cafe-Bar. Ich gehe hinein und frage den Barbetreiber, wie ich nun zu meiner Schlafstelle am Meer komme. Zuerst hat er mich etwas verdutzt angeschaut (warum wohl?) und mir dann auf Portugiesisch sehr detailliert, so hat sich das zumindest angehört, den Weg beschrieben. "Taxi?" frage ich ihn nach seiner hilfsbereiten Auskunft. Und so hat mir dieser liebe Kerl ein Taxi bestellt, welches mich 10 Minuten später auf dem Camping in Costa da Caparica abgeladen hat.

Schnell ist meine Schlafstelle eingerichtet. Frisch geduscht gönne ich mir ein Bier und einen Hamburger in der Kneipe gegenüber der Strasse. Eigentlich wollte ich mein MdS-Food selber köcheln - die Verlockung war aber einfach zu gross... 21:30 Uhr dann die wohlverdiente Nachtruhe.

Tag 2

Heute stehen 6 Stunden laufen im Sand auf dem Programm. Nach einer sehr unbequemen Nacht ohne Kissen und einer zu kleinen Schlafunterlage, welche gerade einmal 1.20 m misst, hocke ich nun vor meinem reichhaltigen Morgenessen "Porridge with Strawberries" (490kcal/100g) und lasse den Tag einläuten. Ich freue mich auf den bevorstehenden Tagesausflug! Wie immer, ausgerüstet mit meinem Rucksack, laufe ich erstmals zum Strand und stosse auf eine schön angelegte Strandpromenade. Viele Surfer kämpfen hier gegen die ziemlich hohen Wellen an. Nach kurzer Laufzeit erreiche ich den tiefen, sehr langen Sandstand. Dieser soll ca. 35 km lang sein.

Obwohl es angenehme 17 Grad sind, in der Sahara können es gegen 40 sein, fühlt es sich jetzt schon sehr hart an.

Von da an begegne ich nur noch wenigen Menschen. Genau das, was ich daran so mag. Obwohl es angenehme 17 Grad sind, in der Sahara können es gegen 40 sein, fühlt es sich jetzt schon sehr hart an. Trotzdem komme ich gut mit dem Untergrund zurecht. Man muss das Terrain einfach so annehmen, wie es ist und nicht durch zu schnelles Laufen zu viel unnötige Energie verbrauchen. Leider liegen hier auch extrem viele Plastikteile rum. Schlecht auszumachen, ob es nun mehr Plastik- oder mehr Muschelteile sind. Ich laufe weiter Richtung Süden, die Gegend wird immer verlassener und imposante rötliche Felshänge lösen die vereinzelten Häuserzeilen gegen das Landesinnere ab. Plötzlich erscheint wie aus dem Nichts eine Lagune, welche vermutlich jeweils durch die Fluten gespeist wird. Mehrere hundert Albatrosse tummeln sich darin, umgeben von einzelnen Kite-Surfern. Beim Wendepunkt angelangt, kaufe ich mir in der Strandbeiz 3 Liter Wasser und rühre mit einem Teil davon mein Peronin an. Dieser Drink kann nicht mal mit einem schlechten Vanille-Shake mithalten. Innerhalb von 5 Minuten kann ich so einen Energiewert von knapp 500 kcal zu mir nehmen. Erstaunlicherweise ist das Zeugs so gut verträglich, dass man ohne Beschwerden gleich weiterlaufen kann. Nun geht‘s nur noch 3 Stunden... Auch diese habe ich gut überstanden und bin nach insgesamt 6 h 12 min und (nur) 41 km wieder zurück auf dem Camping. Auch heute wieder verführt mich die Aufschrift einer Pizzeria zum NICHT selber köcheln... Ein anstrengender Tag geht heute wiederum sehr früh zu Ende.


Tag 3

Viel hat sich gegenüber Tag 2 nicht geändert. Wie gewohnt habe ich in der Früh meine Brühe zu mir genommen, danach 4.5 Liter Wasser gekauft und los geht‘s auf die gleiche Route wie gestern auch schon. Offenbar hat sich mein Recovery-Drink vom Abend zuvor bewährt. Meine Beine fühlen sich so fit an, als hätte ich gestern nichts gemacht. Nur ein paar Druckstellen an den Schultern machen sich zu Beginn bemerkbar. Da der Himmel im Gegensatz zu gestern bewölkt ist und zudem ein starker Wind weht, sind noch weniger Leute unterwegs. Eine Ausnahme gibt es. An einer Stelle versammeln sich zahlreiche Surfer und können‘s kaum erwarten in die Wellen zu springen. Ab hier bekomme ich bis zum Schluss nur noch knapp ein Dutzend Menschen zu Gesicht. Die wissen wieso sie zu Hause geblieben sind.

Darauf folgt das übliche Regenerationsprozedere inkl. Bier und Pizza... :-)

Beim Erreichen der Mittelmarke beginnt es plötzlich wie aus Kübeln zu regnen. Damit hätte ich niemals gerechnet, denn der Wetterbericht hat für heute trockenes Wetter mit leichter Bewölkung bei 15 Grad vorhergesagt. Schnell meine 100 g leichte Regenjacke übergestreift und weiter geht‘s. So schnell wie der Regen gekommen ist, so schnell hat es zum Glück auch wieder aufgehört. Mit langsamen Schritten im tiefen Sand geht’s zaghaft weiter in nördlicher Richtung. 7 km vor Schluss erwischt mich ein mentales Tief eiskalt. Nach dem üblichen Ritual erledige ich, was es zu erledigen gilt. Als Sofortmassnahme Nahrung einnehmen, danach werden die Kopfhörer montiert und als dritte Massnahme wird mein Mantra aufgesagt. Immer und immer wieder, solange bis das Loch überwunden ist. Etwas erschöpft erreiche ich nach 5 3/4 h den Campingplatz. Darauf folgt das übliche Regenerationsprozedere inkl. Bier und Pizza...

Tag 4 (Rückreisetag)

Da mein Rückflug schon am Mittag ansteht, habe ich mich heute etwas früher als sonst auf die Socken gemacht. Das Tor beim Eingang ist noch verschlossen. Vermutlich habe ich, durch den Versuch das Tor zu öffnen, den Nachtwärter um 04.20 Uhr aus seinem Tiefschlaf geholt... Er grüsst trotzdem freundlich und wünscht mir einen guten Lauf. Wiederum fühlen sich meine Beine gut an und ich verfalle rasch in meinen "Ultraschlappschritt". Vorbei an der Promenade, die Treppe hinunter und dann ab in den Sand. Die Sterne und der Sichelmond scheinen hell - heute wird das Wetter vermutlich etwas heiterer als gestern. Ohne Stirnlampe wäre hier nichts zu wollen, es ist einfach zu finster. Diese ultraleichte Stirnlampe, übrigens ein Tipp der MdS-Kollegen, braucht nur 2 Batterien und tut ihren Dienst hervorragend. Plötzlich durchfährt mich das Gefühl, dass ich bereits in der Wüste angekommen bin. Durch die Dunkelheit wird mein Sichtfeld so eingegrenzt, dass ich alles, was sonst um mich herum passiert, komplett ausblende. Nur noch die Schatten der angrenzenden Dünen nehme ich war. So stelle ich mir die Non-Stop Etappe durch die Nacht, in einer Light-Version Ausgabe, vor. Da ich mir heute eine kleinere Distanz vorgenommen habe, ist der Wendepunkt bereits nach 1 3/4 Stunden erreicht. Auf dem Rückweg beginnt es langsam zu tagen. In meinen Gedanken versunken, werde ich plötzlich durch ein lautes Bellen in die Realität zurückgeholt. Etwa vier wilde Hunde laufen bellend auf mich zu. Da ich mir nichts anmerken lasse, sind diese zum Glück auch gleich wieder abgehauen. Erst nach ein paar Minuten traue ich mich, mich umzudrehen, um zu schauen, ob sie wirklich verschwunden sind. Etwas Positives hat es - ich bin wieder hellwach und dadurch wieder schneller unterwegs und auch schneller zurück in meinem Biwak. Kurz das Ganze abgebaut und zusammengepackt und schon geht‘s Richtung Flughafen.

Fazit der Portugal-Trainingstage:

Vieles passt - einiges muss ich in den nächsten Tagen noch weiter optimieren. Das abwechslungsreiche Training der vergangen Monate, vor allem das Querfeldein-Laufen im tiefen Gelände, hat sich durchaus bewährt. Das erklärt vielleicht auch, wieso ich mit dem Sanduntergrund verhältnismässig gut zurecht gekommen bin. Eines muss ich immer vor Augen haben. Es ist absolut zwecklos die Pace im Sand unnötig hoch zu halten. Hier gilt es, den Energiesparmodus einzuschalten. Nur ein wenig zu schnell unterwegs und du merkst sofort, wie es dir buchstäblich die Energie aus den Adern saugt. Deshalb ist mein Motto für den tiefen Sand: "Take it easy!"