Um 01.00 Uhr am Samstagmorgen hat mich der Wecker aus dem Tiefschlaf geholt. Da ich die Laufutensilien bereits am Vortag bereitgelegt habe, bin ich pünktlich um 01.30 Uhr laufbereit. Die ersten Kilometer vergehen wie im Fluge. Immer wieder begegne ich jüngeren Nachtschwärmern, welche auf dem Nachhauseweg in Gruppen am Strassenrand stehen. Ich komme gut voran – fast zu schnell. Denn bei diesem Lauf hat das Timing oberste Priorität, soll der Start zum Jungfrau-Marathon doch um Punkt 09.00 Uhr erfolgen. Zu spätes Eintreffen würde mein Projekt gefährden, zu frühes meine Muskeln auskühlen lassen.

Mittlerweile ist es 05.00 Uhr, der Himmel klar und mit 12 °C beste Lauftemperatur. Bei Kiesen auf dem Radweg höre ich ein Klingeln hinter mir. Es ist ein Mann Mitte 50 der mit dem Fahrrad seine allmorgendliche Ausfahrt macht. Er verlangsamt seine Fahrt und bietet mir Gesellschaft. Eine willkommene Abwechslung! Walter, so sein Name, soll mich noch bis Thun begleiten, wo er mir anbietet, zusammen einen Kaffee zu trinken. Dankend lehne ich ab und begebe mich weiter in Richtung Interlaken.

Jeder Schritt bringt mich meinem Ziel ein Stück näher, so meine Gedanken. Halbstündlich und immer wiederkehrend klingelt der Timer meiner Uhr. Schon wieder ist Essenszeit! Mmh mittlerweile der zehnte Gel, bin kurz vor Merligen und habe soeben den fünfzigsten Kilometer passiert. Die Uhr zeigt 06.43 Uhr – Zeit für ein anständiges Morgenessen. Im Laufschritt greife ich in die Rucksacktasche und hole ein Käsesandwich hervor. Wunderbar, genau das Richtige. Noch während ich laufe, verschlinge ich dieses und greife erneut nach einem. Nun ist es vorbei mit der Stille. Der Tag bricht an und die Autos werden immer mehr. Der Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich zu schnell unterwegs bin. Nun muss ich das Tempo drosseln.

Ich verlangsame auf 7 min/km. Ohne Probleme erreiche ich mein erstes Etappenziel in Interlaken. Es bleiben mir 20 Minuten um ein neues T-Shirt überzuziehen, Sonnencreme einzuschmieren, Sonnenbrille aufzusetzen, Wasser aufzufüllen und die Riegel/Gels griffbereit im Rucksack zu verstauen.

Pünktlich erfolgt der Start zum Jungfrau-Marathon und gleichzeitig ertönt aus dem Lautsprecher die Nationalhymne – ich Reihe mich ganz hinten ein. Die Pause hat meine Beine ausgekühlt. Es vergehen rund drei Kilometer bis ich wieder in meinen Laufschritt zurückfinde. Pace 6.00 min/km ist unter meiner angestrebten Geschwindigkeit. Zaghaft versuche ich die Pace zu erhöhen, was mir dann auch gelingt. Trotzdem läuft‘s wunderbar, der flache Teil ist jetzt auch Geschichte.

Nun geht es von Lauterbrunnen steil hoch nach Wengen. Hier läuft niemand mehr, da ist Gehen angesagt und meine Chance nicht weiter zurückzufallen. In Wengen werden wir vom tossenden Publikum empfangen. Auch meine Familie steht da und pusht mich zum 95. km an. Unglaublich, noch keine grösseren Ermüdungserscheinungen - ich fühle mich immer noch topfit! Die nächsten 7 km gehören mir, so meine Gedanken. Und tatsächlich, auf diesem Abschnitt kann ich 360 Läuferinnen und Läufer überholen. Mit der Ankunft bei „Wixi“ ist es dann mit dem Überholen vorbei. Ein Singel-Trail führt nun steil hoch über die Moräne.

Bei Kilometer 41 ist dann der höchste Punkt erreicht. Von jetzt an geht es nur noch leicht abwärts bis ins Ziel. Mit einer Pace von 4:30 min/km fliege ich buchstäblich über die letzten Meter ins Ziel. Geschafft!! Es ist ein unbeschreibliches Gefühl bei dieser grandiosen Kulisse und unter ohrenbetäubendem Lärm der Zuschauer die Ziellinie zu überschreiten. Der Kampf hat sich gelohnt, alle Schmerzen sind wie weggefegt und alles ist einfach nur gut.